Fotografisches Sehen lernen
Die technische Seite der Fotografie kann man sich relativ schnell aneignen. Es dauert nicht lange, dann hat man die Einstellungen und Bedienmöglichkeiten der Kamera verinnerlicht. Anders sieht es aus mit der eher kreativen, sprich künstlerischen Seite. Sicherlich gibt es auch hierbei theoretisches Wissen über Motivauswahl und Bildgestaltung, doch im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken, ist der praktische Aspekt.
Durch das Fotografieren ansich wird schon das fotografische Sehen geschult, denn durch die praktische Arbeit wird man sich zwangsläufig weiterentwickeln. Eine weitere gute Möglichkeit ein Gefühl für den richtigen Moment zu bekommen, ist das Betrachten von Bildern. Abgesehen von den eigenen Bildern kann und sollte man sich auch Bilder anderer Fotografen anschauen. Gerade die Bilder, die einem gefallen, sollte man immer wieder mal betrachten. Unter Umständen wird man sie im Laufe des eigenen Entwicklungsprozesses anderes sehen, und Punkte bemerken oder erkennen, die man in der ersten Begeisterung vielleicht sogar übersehen hatte. Geeignetes Bildmaterial findet man in Bildbänden, die oft im Ausverkauf in der Buchhandlung günstig zu erwerben sind. Außerdem ist das Angebot im Internet riesengroß, es gibt sehr viele Fotocommunities und Foren, in denen vom Hobby- bis zum Profi-Fotografen Bilder zu finden sind. Man kann aus guten wie aus schlechten Bildern lernen.
Wenn man ein Bild betrachtet, sollte man sich immer die Frage stellen, warum es einem gefällt oder auch nicht. Wie hat der Fotograf es erreicht, daß man das Bild länger anschaut, und sich mit ihm auseinander setzt. Falls vorhanden, sollte man auch die Kommentare und Anmerkungen der anderen Betrachter lesen. Eventuell gewinnt man auch hieraus Hinweise auf Aspekte, die man selbst in dem Moment noch nicht erkannt hat. Man sollte sich durchaus auch trauen, den Fotografen direkt zu fragen, wie und warum er die Aufnahme so gestaltet hat.
Besonders gut kann man aus Fotos lernen, die einem nicht gefallen oder sogar mißlungen erscheinen. Man sollte genau analysieren, was einem falsch erscheint, und die eigene Meinung mit den Kommentaren der anderen “Bildkritiker” vergleichen. So lernt man schnell aus “Fehlern” anderer. Allerdings sollte man nicht vergessen, daß neben den technischen und gestalterischen Aspekten ein Foto auch reine Geschmackssache ist.
Das bedeutet, daß man zu seinem eigenem Stil zu finden hat und man die persönliche Sicht der Dinge nicht verbiegen sollte, um der Masse zu gefallen. Manchmal kommt man nicht daran vorbei, auch gegen Regeln, Grund- und Merksätze zu verstoßen, um zu dem Ergebnis zu kommen, daß man erreichen möchte und einem selbst gefällt.
Wenn irgendwie möglich sollte man seine Kamera überall mithinnehmen. Alleine der Vorsatz zu fotografieren, reicht meistens schon aus, um die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen bzw. sie genauer anzuschauen. Es ist nun aber nicht notwendig die komplette Ausrüstung mit sich herumzutragen. Die Kamera mit einem Normalobjektiv reicht vollkommen aus.
Wer sich auf die Menschenfotografie konzentrieren möchte, der sollte z.B. beim Gespräch seine Mitmenschen genauer betrachten. Dabei wird man schnell feststellen, daß man im Gesicht des Gegenübers oft verschiedene Seiten entdeckt, und bei besten Freunden und Verwandten charakteristische Merkmale bemerkt, die einem bisher gar nicht aufgefallen sind, weil sie einfach zu dem Menschen gehören.

